Juli 8, 2026
Forschungsgruppe in Berlin, Mai 2025
Wie verändern sich Form und Inhalt muslimischen Selbstverständnisses im digitalen Raum? Und wie werden digitale Methoden zur Erforschung islamischer Schriften verwendet? Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Forschungsgruppe im Mai 2025 beim Treffen am Berliner Institut für Islamische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Der erste Teil des Treffens stand im Zeichen des internen Austauschs zu den Forschungsarbeiten und Zwischenergebnissen der beteiligten Teilprojekte. Der Standort Frankfurt, der historische Narrative in muslimischen Online-Diskursen untersucht, brachte drei aktuelle Studien in die Diskussion ein.
Eine Analyse des Instagram-Hashtags #ahlulbayt, der sich auf die Familie des Propheten Muhammad bezieht, zeigte, dass die religiöse Verehrung der Prophetenfamilie sowie die Erinnerung an spezifische historische Ereignisse konfessionsübergreifend verbreitet sind. Gleichzeitig fungieren entsprechende Bezüge häufig als Marker konfessioneller Identität. Besonderer Bedeutung kommt hier auch schiitischen Fest- und Trauertagen zu, die offenkundig Anlass vieler Posts sind.
Im Rahmen des Teilprojekts zur deutsch-muslimischen Erinnerungskultur in sozialen Medien wurde die historische Persönlichkeit Malcolm X als eine der am häufigsten rezipierten schwarzen muslimischen Bezugspersonen auf Instagram identifiziert. Insbesondere seine Aussagen zur Gleichheit von Gläubigen unterschiedlicher Hautfarben während der Pilgerfahrt nach Mekka werden auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen, um die universelle Gleichheit verschiedener ethnischer Gruppen im Islam hervorzuheben.
Eine Fallstudie zu von revivalistisch-sunnitischen Akteuren auf Facebook vertretenen Geschichtsbildern zeigte eine geradezu heilsgeschichtlich zu verstehende Retrotopie auf – also die Vorstellung einer idealisierten Vergangenheit, zu der zurückgekehrt werden soll. Die analysierten Akteure folgten weitgehend einer Meistererzählung islamischer Geschichte, die von einem rasanten Aufstieg der frühen muslimischen Gemeinschaft, einer anschließenden Blütezeit und einem späteren Niedergang geprägt ist. Letzterer wurde häufig in engem Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus interpretiert.
Das Erfurter Teilprojekt zur Ästhetik audiovisueller Medien stellte eine Analyse der digitalen Selbstrepräsentation offizieller Accounts der Ahmadiyya Muslim Jamaat sowie von Accounts ihrer Anhängerinnen und Anhänger in Deutschland vor. Die Untersuchung zeigte, dass sich beide Accounttypen visuell nur geringfügig von der Bildsprache des muslimischen Mainstreams unterscheiden. Gruppenidentität wird insbesondere auf inoffiziellen Accounts vor allem punktuell über Textelemente und Audiospuren sichtbar.
Aus dem Berliner Teilprojekt „Prophetische Tradition und Hadith im digitalen Raum“ wurde eine experimentelle Forschungsanordnung vorgestellt, die den Einsatz algorithmischer Verfahren zur Analyse von Überliefererketten (Isnaden) untersucht. Ziel ist es zu prüfen, inwieweit digitale Methoden zur Unterstützung hadithwissenschaftlicher Fragestellungen eingesetzt werden können.
Im zweiten Teil des Treffens wurde Dr. Joshua Little, derzeit Research Fellow an der University of Groningen, als Gastreferent, begrüßt. In seinem Vortrag gab er Einblicke in den Einsatz digitaler Werkzeuge in der Hadithforschung. Im Mittelpunkt stand die gängig angewandte Isnad-cum-Matn-Analyse, eine Methode, die unterschiedliche Versionen von Überlieferungen prophetischer Aussagen und Handlungen unter gleichzeitiger Berücksichtigung ihrer Überliefererketten und Texte in ihren jeweiligen historischen Kontexten untersucht. Dr. Little erläuterte, welche digitalen Hilfsmittel diesen Forschungsprozess unterstützen und welche Potenziale sich daraus für die historische Hadithforschung ergeben.
